150 Jahre im Blick

Franz Müntefering (re) und Georg Mascolo
 
 

Der ehemalige Bundesvorsitzende der SPD, Franz Müntefering, hat sich in der Obernkirchener Liethhalle den Fragen des Journalisten Georg Mascolo gestellt. Beide waren anlässlich eines Festaktes zum 150-jährigen Bestehen der sozialdemokratischen Partei zu Gast im Landkreis. Sozialdemokratische Errungenschaften gelte es stets neu zu verteidigen, sagte Müntefering.

 

Sozialdemokraten aus der Region und Gäste haben sich am Freitag in der Obernkirchener Liethhalle getroffen. Anlass war ein Festakt zum 150- jährigen Bestehen der SPD. Als wohl prominentester Gast stellte sich der ehemalige Bundesvorsitzende Franz Müntefering im Interview den Fragen des Journalisten Georg Mascolo.
Im Interview schoss Müntefering gegen die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die er „als Person“ sehr schätze. „Wenn sie Pilotin wäre, würde ich sagen, da kannst du einsteigen, die ist technisch so gut, der Flieger stürzt nicht ab“, sagte Müntefering. „Das Problem ist nur: Du weißt nicht, wo du landest.“
Grundwerte wie eine demokratische Ordnung und den Sozialstaat, gelte es immer wieder neu zu erarbeiten und zu verteidigen, sagte Müntefering. Man dürfe sich der „Hektik der Zeit“ nicht ergeben, appellierte der einstige Vize-Kanzler an die Genossen.
Zur Verteilungsgerechtigkeit stellte Müntefering fest: „Wer gut arbeitet, soll gut bezahlt werden.“ Wenn aber ein bekannter Banker zwölf Millionen Euro bekomme, bedeute das quasi, er arbeite „600 Mal so gut wie eine Krankenschwester“. Daher gelte es, Schluss zu machen mit „sittenwidrigen Löhnen, nach oben und nach unten“. Interviewpartner Mascolo ist gebürtiger Obernkirchener und war bis vor Kurzem Chefredakteur des „Spiegel“.
Später am Abend beantworteten weitere Sozialdemokraten aus allen politischen Ebenen die Fragen von SN-Chefredakteur Uwe Graells, SN-Volontärin Kirsten Elschner sowie Hermann von Kleist und Dominik Engelhardt, zwei Schülern des Wilhelm-Busch-Gymnasiums.
Dominik legte dabei treffsicher den Finger in eine offene Wunde der Partei: Wie mit deren Grundwerten denn die Agenda 2010 zu vereinbaren sei, wollte der 17-Jährige wissen. Die Antwort gab der heimische Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy: „Wir hätten die zum Zeitpunkt notwendige Flexibilisierung der Arbeitsmärkte sofort an einen gesetzlichen Mindestlohn koppeln müssen.“ Das wolle die SPD nun nachholen. Wer einen Fehler gemacht habe, verdiene die Chance, diesen Fehler zu korrigieren.
In ihren Grußworten verliehen auch der Landtagsabgeordnete Karsten Becker, Landrat Jörg Farr und der Obernkirchener Bürgermeister Oliver Schäfer ihren Gedanken zur Sozialdemokratie Ausdruck. Schäfer verwies auf die historische Bedeutung der Liethhalle, in der schon Bergmannsfeste gefeiert und Kundgebungen zum 1. Mai abgehalten worden seien.
Karsten Becker hob als „Markenkern“ Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität hervor, Landrat Farr nannte als Grund für die Verbundenheit des Landkreises mit der SPD die „viel beschworenen kleinen Leute“, die hier stets mehrheitlich ihren Lebensmittelpunkt gehabt hätten: „Die Arbeiter der Glasindustrie und im Bergbau genauso wie die kleinen Handwerksbetriebe.“
Was Sozialdemokratie für junge Menschen bedeuten kann, damit beschäftigte sich ein Stück des Jungen Theaters Bad Münder. Darin entdeckt eine 16-Jährige ein Buch über die Hamelner SPD-Frau Rosa Helfers, die einst von den Nazis in ein Arbeitslager gesteckt wurde. „Rosa Helfers hat mein Leben verändert“, sagt die Hauptfigur des Stücks. „Nicht so wie ein Lottogewinn. Aber mir ist nicht mehr alles egal.“

Schaumburger Nachrichten vom 01.0602013 | von Jan-Christoph Prüfer